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Wildniswissen macht Schule
Bewusstsein schaffen
Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung sind Themen, die einen immer breiteren Raum einnehmen. Inzwischen wird uns mehr und mehr bewusst, dass für den Erhalt der Lebensqualität auf der Erde tief greifende Veränderungen nötig sind. Diese Veränderungen gehen über eine reine Wissensvermittlung von Ursachen und Wirkzusammenhängen hinaus.
Wenn wir davon ausgehen, dass wir Menschen stets das schützen werden, was wir lieben, dann geht es zunächst um die Wiederherstellung der inneren Verbundenheit mit unserer natürlichen Umgebung, mit den Tieren, mit den Pflanzen, mit den Elementen. Das Bestreben, diese Verbundenheit wieder erfahrbar werden zu lassen, ist Grundlage für unsere Arbeit und unsere Angebote.
Achtsamkeit
Verbundenheit zu empfinden ist wesentlich eine Angelegenheit von Gefühlen. Unsere Sprache verdeutlicht das wenn wir sagen, wir fühlen uns einer Sache oder jemandem sehr verbunden. Dies zeigt, dass ein solcher Prozess nicht allein kognitiv vonstatten gehen kann. Das heißt auch, dass wir uns nur mit der Umgebung verbinden können, wenn wir uns in unmittelbaren Kontakt mit ihr begeben. Ein Ahornblatt kann im Klassenzimmer untersucht werden, aber die Wirkung und die Stimmung, die von einem Ahornbaum ausgeht, kann nur draußen an seinem Standort wahrgenommen werden. Wir benötigen all unsere Sinne, um in unsere Umgebung ganz eintauchen zu können.
Die Lehre von der Wahrnehmung bezeichnet im Griechischen das Wort Aisthesis (Ästhetik). Der Begriff Wahrnehmung ist in diesem Fall umfassender zu verstehen und meint das Bewusstmachen von Zusammenhängen durch kognitiven und emotionalen Input sowie durch den Vorgang der Rezeption, das heißt das Empfangen und Verkosten des Wahrgenommenen.1
Es geht also darum, die Natur, so wie sie uns umgibt, bewusst wahrzunehmen und zu erfassen. Das „Verkosten“ der Wahrnehmungen verhilft zu einem persönlichen Bezug zur Natur. Dies geschieht indem die Erfahrungen zusammengetragen und veranschaulicht werden. Sie führen so zu neuen Erkenntnissen.
Die Bedeutung der Wahrnehmung verdeutlicht GERALD HÜTHER, Professor für Neurobiologie an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen, in einem Stufenmodell. Er sagt, dass die Fähigkeit der Wahrnehmung dazu führt, Empfindungen beschreiben zu können.
Die nächste Stufe, die aus diesem Prozess hervorgeht, ist Erkenntnis. Das komplexe Erkennen von Ursache und Wirkung führt dazu, urteilsfähig zu werden und einen eigenen Standpunkt zu beziehen. Aus dieser Eigenständigkeit heraus kann kreatives Handeln entstehen.2
Der Grad an Ausprägung der einzelnen Stufen bestimmt den Grad an Vernetzung im Gehirn und damit an Bewusstheit. Oder anders ausgedrückt:
- je höher die Wahrnehmungsstufe ist, die ein Mensch erreicht,
-
- desto tiefere Einsicht in zusammenhängende Abläufe,
-
- desto größeres Empfinden für komplexe Wirkzusammenhänge
-
- und vorausschauendes Ahnen wird ihm möglich sein.
Über Wahrnehmung und Achtsamkeit kann somit ein Erfahrungsprozess initiiert werden:

Die Erläuterungen und das Modell zeigen, dass Wahrnehmung und Achtsamkeit die Basis für nachhaltiges Denken und Handeln sind. Die Achtsamkeit den äußeren Bedingungen gegenüber führt dabei auch zur Achtsamkeit gegenüber anderen Menschen und gegenüber sich selbst. Wir lernen über die Wahrnehmung der äußeren Natur auch unsere innere Natur kennen.
Nachhaltiges Lernen
Lernen war über Jahrtausende der Menschheitsgeschichte höchst erfolgreich. Obwohl das Lernen nicht institutionalisiert war, wie wir es heute in Form von Schulen kennen, waren die Menschen extrem gut im Lehren und Lernen, denn nur so war das Überleben gesichert. Wären die Menschen früherer Kulturen nicht so gute Lehrer gewesen, gäbe es uns heute nicht.
Was hat das Lernen so erfolgreich gemacht?
Für einen erfolgreichen Lernprozess gibt es hauptsächlich zwei Motivatoren:
1. Not-Wendigkeit
2. Neugier
Notwendigkeiten sind ein starker Auslöser für Lernprozesse. Solche Situationen helfen uns
- unbekannte und ungewohnte Lösungsstrategien zu entwickeln
- persönliche Grenzen zu überwinden, dazu gehören physische Kräfte ebenso wie die Auseinandersetzung mit allgemeinen Berührungsängsten
- uns dadurch mit unserer eigenen Natur und unserer inneren Wildheit vertraut zu machen (Entwicklung von Eigen-Sinn und Identität)
- Handlungsmuster zu entwerfen, die uns lebenstüchtig machen
Die Neugier ist uns Menschen von Lebensbeginn an geschenkt. Am intensivsten ausgeprägt und zu beobachten ist sie bei Kindern, die noch keinem Lern- und Leistungsdruck unterworfen sind und bestimmten Erwartungen noch nicht standhalten müssen. Fangen Kinder an, ihre Mitwelt zu entdecken, geht es dabei nicht nur um analytisches Lernen, sondern auch um ein ästhetisches und emotionales Erfahren.
Kinder erschließen sich ihre Mitwelt durch Wachheit und Hingabe. Sie versenken sich ganz in ihr Tun. Sie lernen gleichzeitig auf körperlicher, emotionaler, seelischer und kognitiver Ebene. Und sie lernen zu Beginn ihres Lebens so, wie die Menschen vor noch nicht allzu langer Zeit ihr ganzes Leben lang gelernt haben - im alltäglichen Lebensvollzug. Jedes Tun hat eine sinnvolle Bedeutung. Es gibt keine Unterteilung in Lernen, Spielen, Arbeiten, Freizeit. Leben und Lernen sind eins.
Der Psychotherapeut und Arzt ECKARD SCHIFFER nennt diese ursprüngliche Form des Lernens „leibhaftige Welterfahrung“, die gleichzeitig mit Selbsterfahrung verknüpft ist. Schiffer postuliert, dass je mehr unsere Bilder und Begriffe mit solchen affektusensomotorischen3 Erfahrungen spielerisch gefüllt werden, desto lebendiger die Phantasie und desto reicher das Innenleben werden. Weiterhin stellt er fest, je reicher Innenleben und Phantasie sind, desto weniger bedarf ein Mensch ständig neuer Reize, um etwas zu erleben. Es reicht schon ein Stück Holz zum Schnitzen. Solches Spielen vermittelt das Erleben von Identität.4
Wesentlich unterstützend für Lernprozesse sind Erlebnisse, bei denen die Kinder erfahren, dass es etwas gibt, das stärker ist als sie selbst. Solche Erfahrungen können sie draußen in der Natur machen. Wer erinnert sich nicht gern an abenteuerliche Geschichten aus der Kindheit von bestandenen Gefahren, bei denen man seinen Mut unter Beweis stellen konnte. Solche Erlebnisse vermitteln das Gefühl von Lebenstüchtigkeit und sie führen uns zu einer respektvollen und dankbaren Haltung.
Es gibt einen qualitativen Unterschied zwischen dem Status „sich in der Welt zurechtfinden“ und „sich seiner Stellung in der Welt bewusst sein“. Erst wer den letzteren Zustand erreicht hat, kann Position beziehen, kann Ziele klar formulieren und kann somit im Sinne nachhaltigen Handelns wirksam werden.
Nachhaltiges Lehren
Kinder möchten ihre Erlebnisse dann mitteilen. Sie kommen ganz begeistert und fangen an, zu erzählen. Durch den hierbei entstehenden Dialog und Austausch kann dann Wahrgenommenes und Erlebtes für Kinder zusätzlich zum Geschenk werden. Daher ist es wichtig, dass Kinder jemanden haben, der ihre Lernprozesse begleitet - einen Mentor.
Der Dialog besteht im Wesentlichen darin, dem Kind zuzuhören, seine Begeisterung zu teilen und es mit geschickten Fragen zu weiteren Nachforschungen und Erlebnissen herauszufordern. Der Blick der anderen auf das Kind ist ihm wichtig, denn es sieht mit dem Blick, mit dem auf es selbst geschaut wird. Der Blick verändert die Kinder. Wenn sie als Forscher betrachtet werden, dann fühlen sie sich auch so.
Sie identifizieren sich damit und verhalten sich entsprechend. Sie spüren auch, wenn wir in respektvoller Haltung vor ihrem eigenen Weg ihnen zutrauen, dass sie selbst die Antworten auf ihre Fragen finden werden. Durch diesen Lernfluss entsteht bei den Kindern ein gesunder Eigen-Sinn, dem eine Motivationskraft inne liegt, der zu Höchstleistungen anspornt.
Diese Art und Weise des Lernens setzt voraus, dass derjenige, der Lernprozesse begleitet, es aushalten kann, wenn vorbereitete Projekte eine unerwartete Wendung nehmen. Ein Mentor, befindet sich mit den Kindern immer in Bewegung auf Erkenntnis hin.
Jede voreilige Antwort ist eine Blockade auf dem Weg zur eigenen Erkenntnis.
Coyote Teaching
Die indigenen Völker Nordamerikas haben für diese ursprüngliche Art und Weise des Lernens und Lehrens einen eigenen Begriff - Coyote Teaching. Der Coyote, unser Mentor, ist ein Trickster5, der die unaufmerksamen und überheblichen Menschen gerne hinter das Licht führt. Er hat einen Humor, der ihn auch über sich selbst lachen lässt. Gleichzeitig ist er ein liebevoller Beobachter und hilft uns dort, wo wir aufgeben wollen. Er lehrt uns, nicht alles so verbissen zu sehen und mit Hindernissen leicht und spielerisch umzugehen. Er gibt uns Anstöße, die wir brauchen, um eigenständig den nächsten Schritt zu gehen.
Die Anwesenheit des Coyoten bleibt meist unbemerkt, das heißt der Schüler merkt gar nicht, dass er lernt. Deshalb wird Coyote Teaching auch als das Unsichtbare Lernen bezeichnet. Es ist die Basis von Wildnispädagogik.
Die Vorgehensweise des Coyoten ist vielschichtig und einfühlsam. Durch die Kunst, zu einem bestimmten Zeitpunkt die richtigen Fragen zu stellen, werden die Schüler individuell und Schritt für Schritt an das Wissen herangeführt, das sie sich selbst erarbeiten. Dabei wird die Aufmerksamkeitsspanne und deren Intensität langsam gesteigert.
Den Schülern lässt die Methode viel Freiraum, gleichzeitig fordert sie ihr Engagement. Die Fähigkeiten und Fertigkeiten, die auf diese Weise erworben werden, können die Schüler in jeder Lebenssituation abrufen, denn sie wurden zuvor bewusst und auf vielen verschiedenen Ebenen des Bewusstseins verarbeitet und gespeichert.
Philosophischer Hintergrund
Den Hintergrund unserer Arbeit in der Natur liefert eine uralte und einfache Philosophie, wie sie allen nativen Völkern eigen ist. Es ist das Wissen darum, dass die Erde Mutter allen Lebens ist und dass wir Menschen diese Welt mit den Pflanzen und Tieren teilen. Es ist weiterhin das Wissen, dass der Mensch zuletzt auf diese Welt gekommen ist und sowohl die Möglichkeit als auch die Aufgabe hat, sich um die Erde zu bemühen und sie zu pflegen. So wollen wir durch unsere Arbeit Respekt und Wertschätzung für alles Leben wecken.
Gleichzeitig zeigen wir Möglichkeiten, wieder mit den natürlichen Rhythmen und Abläufen der Natur in Kontakt zu sein. Die vier Himmelsrichtungen mit ihren vier Aspekten von Leben sind dabei die Basis und liegen der Gestaltung unserer Arbeit zugrunde.
1 DUDERSTADT, MATTHIAS (Hrsg.): Kunst in der Grundschule, Frankfurt am Main, 1996, S.14
2 HÜTHER, GERALD: Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn, Vandenhoeck & Ruprecht, 2005, S. 111
3 affektusensomotorischen = auf die Gefühle, die Sinneswahrnehmung und die Bewegung bezogen
4 SCHIFFER, ECKHARD: Warum Huckleberry Finn kein Ritalin brauchte, Vortrag, 2004
5 Trickster = trickreiches Fabelwesen
PDF-Dokument, 434 kb
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